Grosse Veränderungen

Das gemächliche Leben in Oxapampa werden wir sicher vermissen.
Das gemächliche Leben in Oxapampa werden wir sicher vermissen.

Europa ist verunsichert wegen der verheerenden Terroranschläge von Paris. Schwer bewaffnete Polizisten stehen an strategischen Orten – auch in der Schweiz, so wie ich das gelesen habe. Peru hat in den neunziger Jahren eine schwere Zeit durchgemacht. Terroristen der Organisation «Sendero Luminoso» (leuchtender Pfad) beherrschten weite Teile Perus. Tausende Menschen flüchteten in die grösseren Städte und vor allem nach Lima. Obwohl die Zeit des Terrorismus überwunden ist, die Folgen sind bis heute spürbar. Die Migranten aus dem Hochland besetzten Hügel und Hänge rund um die Hauptstadt und verlangten nach Infrastruktur: Fliessendes Wasser, Abwasser, Strom, Strassen und öffentliche Verkehrsmittel. Dieses Ziel ist vielerorts erreicht, aber Arbeit, Bildung und Zukunftsperspektiven fehlen bis heute. Die Kriminalität ist heute hoch, vor allem in den «Pueblos Jovenes» den «jungen Dörfern». Die wohlhabenderen Quartiere sind bewacht: In jedem Mehrfamilienhaus sitzt eine 3 köpfige Wachmanschaft, welche in 8-10 Stundenschichten, das Haus hütet. Auch die Schulhäuser sind nicht offen zugänglich wie bei uns. Eine hohe Mauer umgibt den Schulhof und am Eingang macht ein bewaffneter Wachmann Zugangskontrolle. Das ist ein Gesicht von Lima, aber zum Glück nicht das einzige. Lima ist auf den ersten Blick, grau, schmutzig und chaotisch aber trotz allem unglaublich pulsierend und vielschichtig. Auch das kulturelle Leben konzentriert sich hauptsächlich in Lima.

Unerwartete Wende unserer Pläne

Wer hätte gedacht, dass Lima plötzlich für uns ganz wichtig werden würde? Lima, das war für uns nie eine Traumdestination. Wir verbrachten zwar jedes Jahr ein bis zwei mal ein paar Tage in der Hauptstadt, vor allem um einzukaufen oder manchmal auch für Arztbesuche. Aber jedes mal war ich froh wieder im Bus nach Oxapampa zu sitzen. Aber die Zeit vergeht und die Rahmenbedingungen ändern sich. Luana ist schon 10 Jahre alt – als wir in Oxapampa ankamen war sie 3. Vieles habe ich in Oxapampa realisieren können und unser Hauptziel, die Schule aufzubauen ist erreicht. Die Arbeit brachte uns viele wertvolle Erfahrungen und einige Erfolge. Unsere Körper sind aber keine Maschinen und sie haben vor allem in den letzten 3 Jahren einiges abbekommen. Mayneé musste neben ihrer Arbeit als Lehrerin vieles im Haushalt erledigen und dies wurde ihr allmählich zu viel. Ich litt mit der Zeit unter Schmerzen am Ischiasnerv im linken Bein. Bei einer Tomografie wurde klar: Ich habe zwei Diskushernien und dies erforderte eine regelmässige Behandlung. Die Hinweise verdichteten sich, dass unsere Mission in Oxapampa erfüllt war.

Im Februar nahm ich all meinen Mut zusammen aktualisierte meinen Lebenslauf und schickte ihn an die Schweizerschule in Lima. Die Antwort liess nicht lange auf sich warten. Der Direktor wollte mit mir reden. Wir verabredeten uns im Mai und verstanden uns gut. Herr Steiner lud mich ein, einen Tag lang die Schule zu besuchen. Ich war sehr beeindruckt von der Disziplin der Schüler und wünschte mir, dass wir dies in Oxapampa auch so hinbekommen würden. Auch die Atmosphäre empfand ich als sehr angenehm und die Lehrerinnen und Lehrer waren sehr freundlich mit mir.

Deshalb musste ich im Juni nicht lange überlegen als mich Herr Steiner fragte, ob ich Interesse hätte in der Schule zu arbeiten. Luana und Lucia konnten zu sehr günstigen Konditionen die Schule besuchen und die Entlöhung war gut.

Wohnsituation

Unsere grosse Terrasse gibt uns einen Blick auf den (Beton-)dschungel von Lima. Aber etwas Grün ist auch dabei.
Unsere grosse Terrasse gibt uns einen Blick auf den (Beton-)dschungel von Lima. Aber etwas Grün ist auch dabei.

Blick auf die Stadt

Aber wo würden wir wohnen? Lima ist riesig und der Verkehr ist unerträglich. Wir brauchten also etwas in der Nähe der Schule. Die Schule liegt aber im Stadtteil Miraflores – einem der teuersten Gegenden in Lima. Mieten von USD 1000 sind die Regel und wenn man eine Wohnung kaufen möchte, dann ist man bald bei einer halben Million – Dollar wohlverstanden. Zum Glück hört der Distrikt ein paar Strassen weiter auf und grenzt an einen etwas heruntergekommenen Stadtteil namens Surquillo. Genau an der Grenze zu Miraflores konnten wir eine Wohnung finden und weil die Stadtteilgrenze nur eine Strasse weiter unten liegt, merkt kein Mensch, dass man nicht in Miraflores wohnt. Die Schule ist in 10 Minuten zu Fuss zu erreichen und das war meine grösstes Anliegen. Ausserdem liegt die Wohnung im obersten Stock und wir haben eine tolle Terrasse, die wir mit Töpfen und Pflanzen begrünen möchten. Dass wir in Surquillo wohnen hat auch den grossen Vorteil, dass wir viel weniger Steuern bezahlen, als im teuren Miraflores.

Ein neuer Abschnitt beginnt

Luana und Lucia haben ihre neue Schule bereits besuchen können und sie haben positiv darauf reagiert. Luana freut sich auf das Labor, wo sie Experimente machen kann. Lucia geht nächstes Jahr in die erste Klasse und sie freut sich auf den grossen Spielplatz.

Noch fehlt es in unserer Wohnung in Lima an Möbeln. In der Zwischenzeit essen wir auf der Treppe
Noch fehlt es in unserer Wohnung in Lima an Möbeln. In der Zwischenzeit essen wir auf der Treppe

Mayneé und ich gehen positiv auf die Veränderungen zu. Natürlich werden wir die grossartige Landschaft und das gemächliche Leben in Oxapampa vermissen. Aber wir freuen uns in Zukunft einmal einen Abend im Kino oder in einem Theater verbringen zu können. Auch die Tatsache, dass man einfach die Wohnungstüre abschliessen kann ohne eine «Haushüterin» zu suchen, bringt grosse Vorteile.

Der neuen Arbeit schaue ich mit Spannung entgegen. Die Schweizerschule in Lima gilt als eine der besten in Lima und in Peru überhaupt. Es ist eine Eliteschule für ein sehr reiches Publikum und die Elternschaft stellt hohe Ansprüche an die Lehrerinnen und Lehrer. All das wird eine ganz neue Erfahrung für mich werden. Die anderen Lehrerinnen und Lehrer haben mich aber bereits sehr herzlich aufgenommen. Die Direktion hat mich nun als Klassenlehrer der 5. Klasse bestimmt und mir die Fächer Deutsch, Mathematik, Werken und Turnen zugeteilt: Fächer, die ich gerne unterrichte.

Aufräumen und abschliessen

In drei Wochen geht bei uns hier in Oxapampa die Schule zu Ende und wir werden uns nach Weihnachten um den Umzug kümmern. Die Schule in Lima beginnt erst Mitte Februar, also werden wir noch ein wenig Zeit haben uns in Lima einzuleben. Die Eltern unserer Schüler hier in Oxapampa sehen der Umstellung etwas kritisch gegenüber, waren Mayneé und ich doch während der Gründungszeit ziemlich federführend. Jetzt wird sich herausstellen, ob sich die Schule ohne uns weiterhin positiv entwickeln kann. Ein Stresstest sozusagen.