Teil l: Abenteuer Alltag

Kann der Alltag abenteuerlich sein? Diese Frage hat sich vielleicht der eine oder andere Leser gestellt. In der Schweiz kann man das wohl kaum behaupten, denn in der Regel läuft vieles nach Plan, und die Routine beherrscht den Alltag. Wer will, kann das Abenteuer wählen: auf Reisen, in den Bergen, bei einer aufregenden Sportart etc. In Peru hat man keine Wahl, denn der Alltag ist ein einziges Abenteuer. Im Dschungel gilt das ganz besonders: Hier ist das Wetter unberechenbar, manchmal kann es wochenlang heiss sein, vor allem in der Trockenzeit, dann wird das Wasser knapp, die Pflanzen gehen ein und die Waldbrandgefahr steigt. Dann braucht nur noch der Nachbar auf die Idee zu kommen sein Feld abzubrennen, und schon ist man mittendrin: Man versucht, mit dem Gartenschlauch in der einen Hand die letzten Meter vor dem Garten zu bespritzen, während sich dahinter meterhohe Flammen, beissender Rauch und sengende Hitze unerbittlich auf einen zubewegen. In der anderen Hand hält man das Handy und versucht zum xten Mal, die Feuerwehr anzurufen, die am Samstag anderes zu tun hat, als bei einem ängstlichen Schweizer einen Brand zu löschen. Wenn man dann denkt, dass in diesem Land sowieso nichts funktioniert, und man den Gartenschlauch resigniert wegwirft, dann passiert es: Man hört von Ferne die Sirenen der Feuerwehr, die Männer springen aus dem Fahrzeug, rollen den Schlauch aus, und in ein paar Minuten ist der Spuk vorbei und das Feuer gelöscht. Man lädt die Leute zu einer Limonade und ein paar Keksen ein und verspricht, beim nächsten Feuerwehrfest grosszügig zu spenden.

Es kann aber auch umgekehrt sein: In der Regenzeit kann es wie aus Kübeln vom Himmel giessen – stundenlang. Dann wird der Bach zum wütenden Fluss, die Benutzung der Strasse gerät zur Schlammschlacht und die Schlaglöcher werden unerträglich. Wenn man den Wasserhahn öffnet, kommt nur noch Kakao heraus, und ein Ende des Regens ist nicht in Sicht. Dann hilft nur noch eines: Die Hauptleitung schliessen und hoffen, dass das Wasser im Reservetank reicht, bis der Regen vorbei ist.

Nicht zu reden von all den Geräten die – oft von schlechter Qualität – den harten Bedingungen des Dschungels nicht standhalten. Wie der fabrikneue Rasenmäher, der nach wenigen Monaten im Gebrauch mit einem lauten Knall den Dienst versagt. Die Kurbelstange war gebrochen und hatte mit Gewalt das Motorengehäuse durchschlagen. In Peru ist das aber noch lange kein Grund, um auf den Schrottplatz zu fahren; ein findiger Mechaniker kann die Stange ersetzen und das Gehäuse wieder zusammenschweissen.

Fast so unberechenbar wie das Klima sind auch all die Beamten, die hinter ihren Schreibtischen sitzen und für jedes Papier und jeden Stempel noch eine kleine persönliche Spende erwarten. Weigert man sich zu bezahlen, sind plötzlich alle Gesetze anders und viele weitere Papiere nötig, um das Gleiche zu erreichen. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dass man immer auch an einen Plan B denkt und sich auch schon einen Plan C zurechtlegt. Es gibt Tage, da funktioniert überhaupt nichts. Es bringt dann auch gar nichts etwas anderes anzufangen, denn auch das wird scheitern. In diesem Fall muss man sich zurücklehnen, ein gutes Buch hervornehmen oder einen Film schauen und auf den nächsten Tag warten. Die Peruaner pflegen zu sagen: «Mañana es otro día» – Morgen ist ein anderer Tag. Oft passiert dann am nächsten Tag das Unerwartete: Das Telefon klingelt ohne Unterlass, man erhält lang erwartete Lieferungen, Kunden wollen plötzlich ihre Projekte realisieren und bezahlen aus dem Nichts ausstehende Rechnungen. In Peru passiert oft lange nichts, dann aber alles gleichzeitig.