Umzug von einem Haus zum andern

Wir planten eine dreimonatige Probezeit in Oxapampa: Wenn es uns gefiel und wir uns einrichten konnten, wollten wir bleiben, wenn nicht, würden wir in die Schweiz zurückkehren. Trotz der Ungewissheit wollten wir aber unsere Schweizer Wohnung aufgeben und die Möbel einstellen. Umzug war für uns nichts Neues, aber mit so vielen Umzügen, wie sie uns dann in Peru bevorstanden, hatten wir vor unserer Abreise trotzdem nicht gerechnet.
In der Schweiz packten wir das Nötigste in unsere Koffer. Für Luana war es vor allem schwierig, sich von ihren Spielsachen zu trennen. Deshalb durfte sie einen ganzen Koffer mit ihren Sachen füllen. Schliesslich kam der schwierigste Teil von allem: Abschied nehmen von der Schweiz, den Freunden, der Familie und aufbrechen in eine neue Zukunft. Für Mayneé und mich waren das bereits bekannte Situationen, hatte doch auch Mayneé ihr Heimatland Peru für mehrere Jahre verlassen. Mir selbst kamen die Erinnerungen wieder hoch, wie ich das erste Mal für zweieinhalb Jahre nach Peru reiste.
Für Auswanderer sind Flughäfen immer spezielle Orte: Man sitzt auf der Bank und wartet, dass man ins Flugzeug steigen kann, die engsten Familienangehörigen und die besten Freunde hat man an der Passkontrolle zurückgelassen. Man befindet sich zwar noch in der Schweiz, ist aber eigentlich mit den Gedanken schon weit weg. Die Gefühle schwanken zwischen Angst und Enthusiasmus, Vorfreude und Abschiedstrauer, und manchmal kommen auch plötzlich Zweifel: Haben die ewigen Warner und Kritiker vielleicht doch recht? Soll man die Sicherheit in der Schweiz, das gute Gesundheitssystem, die finanzielle Sicherheit und das organisierte Leben einfach über Bord werfen? Lohnt es sich, ein so grosses Risiko einzugehen, auf so viel zu verzichten, nur um einen Traum zu verwirklichen? Nun wird einem plötzlich bewusst, dass man nur noch vorwärts schauen kann, es bringt jetzt nichts mehr zu zweifeln. Es hilft nur noch ein Stossgebet, dass Gott uns beistehen wird bei all den Schwierigkeiten, die auftreten, und uns im richtigen Moment Menschen schickt, die uns weiterhelfen.
Am 6. September 2008 kamen wir in Lima an. Dort warteten bereits Mayneés ältere Schwester Mimi und ihr Mann auf uns. Das fröhliche Wiedersehen liess uns den Abschied vergessen, jetzt galt es vorauszuschauen, nicht zurück. Wir kamen an diesem Abend müde, aber wohlbehalten im Gästehaus der «Misión Suiza» an. Dieser Ort war mir bereits von meinen früheren Aufenthalten in Peru wohlbekannt, war doch die Mission mein früherer Arbeitgeber. Damals arbeitete ich zwar in Huánuco, doch das Gästehaus in Lima war immer wieder meine Zwischenstation gewesen. Die Begegnung mit den anderen Gästen war immer spannend, weil ich dort oft ehemalige Mitarbeiter und Kollegen traf.
Am nächsten Tag gingen Mayneé und Mimi ins Stadtzentrum von Lima, um Matratzen und Bettwäsche zu kaufen, die wir natürlich nicht aus der Schweiz mitgenommen hatten. Ich suchte nach einem Pickup mit Chauffeur, mit dem wir nach Oxapampa fahren konnten. Ich fand eine Firma, die bereit war uns am nächsten Tag mitzunehmen. Nach etwas Feilschen hatten wir uns auch auf einen vernünftigen Preis geeinigt. Natürlich wussten wir nicht, in welchem Zustand der Pick-up war und ob der Chauffeur tatsächlich die Absicht hatte, uns nach Oxapampa zu fahren. Am nächsten Morgen standen die beiden aber vor dem Gästehaus. Erfreulicherweise war das Fahrzeug ein fabrikneuer Toyota Hilux. Es konnte losgehen. Die Reise verlief ohne Schwierigkeiten, das Wetter war trocken und die Landschaft grandios. Nach dem Mittagessen löste ich den Chauffeur kurz ab, damit er sich etwas ausruhen konnte. Nach rund 7 Stunden Fahrt passierten wir «La Merced», und kurz darauf hörte der asphaltierte Teil der Strecke auf. Wir rumpelten über eine Naturstrasse unserem Ziel entgegen. Eine halbe Stunde später braute sich ein Gewitter zusammen und ein tropischer Platzregen leerte sich über uns aus. Der Chauffeur hielt kurz an, um mit einem Plastik notdürftig unsere Habseligkeiten zuzudecken, die hinten auf der Ladefläche lagen. Ich rettete die Tasche mit den beiden Laptops gerade noch rechtzeitig in die Kabine. Nach mehr als einer Stunde Fahrt erreichten wir die Ortschaft Puente Paucartambo. Nach dem Passieren der Brücke stellten wir fest, dass die letzten 44 km nach Oxapampa bereits asphaltiert waren – das war bei meiner letzten Reise noch nicht der Fall gewesen –, und das erleichterte die Reise enorm. Auch der Regen hatte inzwischen aufgehört.

***

Die erste Herausforderung in unserer neuen Heimat war es, ein Haus zu finden. Wir hatten zwar schon vor unserer Abreise vorgesorgt: Meine Schwiegereltern waren eigens nach Oxapampa gereist, um etwas Geeignetes zu suchen. Sie fanden ein nettes Holzhäuschen im Zentrum der Stadt. Meine Schwägerin, die bereits in Oxapampa wohnte, liess von einem Schreiner unsere Betten, einen Tisch und Stühle machen, so dass wir bei unserer Ankunft mit dem Nötigsten ausgestattet waren. Wir wollten sowieso ein eigenes Haus bauen und so dachten wir, diese Lösung wäre als vorübergehende Bleibe nicht schlecht.

Kurz vor der Dämmerung trafen wir in Oxapampa ein. Meine Schwiegereltern waren schon da und erwarteten uns in unserem Häuschen. Wir bezahlten den Chauffeur, luden unsere Habseligkeiten aus und setzten uns erstmals an unseren neuen Esstisch. Die Erschöpfung war gross, ebenso aber auch die Freude endlich angekommen zu sein. Wir tischten unser erstes Nachtessen am neuen Ort auf und stellten bald fest: Etwas rieselte von der Decke auf den Tisch und unsere Teller. Die Ursache war schnell gefunden: Es war die Arbeit von «Polillas» (ausgesprochen Polijas) einer Termitenart, welche Holzhäuser in wenigen Jahren in Sägemehl verwandelt. Diese Insekten sind zwar nicht gefährlich oder giftig, aber trotzdem unangenehm, denn sie vertilgen nicht nur Holz, sondern auch Papier, Karton, Kleider und Esswaren. Die nächste Überraschung liess nicht lange auf sich warten: Die Matratzen passten nicht in die Bettgestelle, weil der Schreiner von falschen Massen ausgegangen war. So legten wir die Matratzen für eine Nacht auf den Boden. Und als wir unsere Koffer öffneten, stellten wir fest, dass unsere Kleider beim Wolkenbruch nass geworden waren.

Am nächsten Tag machten wir uns auf die Suche nach einem anderen Haus. Nach einigem Suchen fanden wir eine andere Bleibe – etwas grösser und mit Garten. Das Haus war zwar nicht aus Holz, sondern aus Beton. Die Besitzerin wohnte im oberen Stock. Sie war unperuanisch pingelig, aber damit konnten wir leben.

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So vergingen die ersten Wochen; wir begannen uns einzuleben und einzurichten. Im Oktober regnete es bereits häufig. Die eigentliche Regenzeit beginnt im Dezember und dauert bis April. Mit dem einsetzenden Regen wurde es auch feuchter, und bald bemerkten wir, dass die Wände in unserem Haus bis einen Meter über dem Boden grau und schimmlig wurden. Da Oxapampa vor der Besiedelung der deutschen und österreichischen Kolonisten ein Sumpfgebiet war, ist bis heute die Bodenfeuchtigkeit sehr hoch. Die Kolonisten bauten Entwässerungsgräben, um das Wasser abzuführen, und hatten auch sonst eine einfache Lösung gefunden: Sie bauten ihre Holzhäuser auf Stützen, damit die Bodenfeuchtigkeit nicht in die Häuser dringen konnte. Mit dem Aufkommen der Betonhäuser ging dieses Wissen jedoch allmählich verloren, weil man dachte, der Beton gehe ja auch dann nicht kaputt, wenn er nass sei. Die schlaue Besitzerin wusste natürlich von diesem Mangel und hatte vor unserem Einzug alles frisch gestrichen. Sie selbst lebte im ersten Stock, wo alles trocken und schimmelfrei war. Mit unserer Gesundheit ging es allmählich bergab, wir erkälteten uns schneller, öfter und erholten uns kaum mehr davon. Wir husteten und schnupften alle drei. Die einzige Lösung war, ein trockeneres Haus zu finden. Nun wussten wir mehr und waren wählerischer geworden; ein altes Holzhaus kam nicht in Frage wegen den Termiten und ein Betonhaus nur dann, wenn es auf einigermassen trockenem Boden stand. Wir fanden dann ganz in der Nähe ein Häuschen aus Beton und Holz, auch dieses war nicht vollkommen trocken, aber viel besser als das vorherige. Also zogen wir ein drittes Mal um. Es sollte die zweitletzte Station sein, bevor wir in unser eigenes Haus wechselten. Kurz nachdem wir eingezogen waren, entschied sich die Besitzerin den 1. Stock auszubauen; so tauschten wir den Schimmel nun gegen den Lärm und Staub der Bauarbeiten. Inzwischen bauten wir an unserem eigenen Haus. (Was dies alles für Herausforderungen mit sich brachte, erzähle ich im Teil «Bauen»). Während des ganzen Jahres 2009 wohnten wir relativ problemlos, bis uns im August die Besitzerin mitteile, dass wir das Haus Ende November verlassen müssten. Ich war zuversichtlich, dass wir bis dahin unser eigenes Haus fertigstellen konnten. Doch die Monate vergingen, während die Bauarbeiten nicht vom Fleck kommen wollten, und der November kam unerbittlich näher. Nun hatten wir ein echtes Problem: Unser Haus war noch nicht fertig und im alten konnten wir nicht bleiben. Wir zogen also ein viertes Mal um, diesmal in unser eigenes Haus. Hier verstauten wir alles in einem Zimmer, vernagelten das Fenster mit einem Brett, und in aller Eile liess ich von Lima zwei Türen kommen, um das Zimmer notdürftig abzuschliessen. Unser Haus war noch weit davon entfernt bewohnbar zu sein. Die Wände waren noch nicht gestrichen, der Boden ebenfalls nicht, Wasser hatten wir noch keines und Fenster auch nicht. Wir zogen also mit dem Nötigsten nach Huánuco zu meinen Schwiegereltern.